Live-Ticker: Parteien über Geschlecht und Identität

Kurz vor der Bundestagswahl stellen sich Politikerinnen und Politiker der Linken, Grünen, FDP und CDU den kritischen Fragen junger Medienschaffender. Dennis Beltchikov, Helene Fuchs und Maxi Unger sind live dabei und tickern mit.

19:51: Letzte Vorbereitungen im Seminarraum 2 am Franz-Mehring-Platz: Hektisch rücken politikorange-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer die letzten Stühle zurecht und allmählich trudeln auch unsere Parteirepräsentantinnen und -repräsentanten ein.

20:03: “Darf ich jetzt anfangen?”, fast pünktlich eröffnet Moderatorin Jana Kugoth die heutige Diskussionsrunde, wer hätte es gedacht, mit einer Vorstellungsrunde!

20:08: Roman-Francesco Rogat (FDP): “Ich habe natürlich auch für die Ehe für alle gestimmt”, Zustimmung macht sich im Raum breit: “Ich glaube, wir haben hier heute ein recht homogenes Meinungsbild” resümiert Kugoth zufrieden.

Rogat diskutiert angeregt. Foto: Alexander Naumann

20:10: Rogat erläutert nun die Relevanz der Themen, darüber Nachdenken scheint das Motto. Er spricht den Männer- und Frauenanteil innerhalb der Parteien an.

20:11: Künast dagegen relativiert, sie wolle ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis, vor allem in Entscheidungsgremien.

20:13: Steuckardt: “Was Frauenpolitik angeht, bin ich nicht so gut bewandert wie die anderen hier.” Er gibt zu, queere Themen besser zu können und sei davon überzeugt, dass Frauen sowohl Naturwissenschaften als auch Programmieren genauso gut können wie Männer.

20:13: Können nur Betroffene faire Politik machen? In NRW sei das anders bisher nicht gelungen: “NRW ist nicht meine Abteilung”, rechtfertigt sich Rogat. Künast lässt das nicht auf sich sitzen: “Meine auch nicht, aber ich lese Zeitung!”

20:15: Machtpositionen oder Themen abdecken mit Arbeitsgruppen? Trulsen betont die Wichtigkeit von Expertengruppen.

20:21: Rogat gegen Quoten: “Ja, das ist doch okay.”

20:22: Aber: “Niedersachsen hat nur eine Frau auf der Liste, da bekomme ich auch das Kotzen.” Daraufhin wirft ihm Künast vor, sich von der eigentlichen FDP-Meinung zu distanzieren.

20:24: Künast: “Es gibt in diesem Land eine 100%ige Männerquote”, deshalb setzt Möhring ein Statement: “Ich bin gerne Quotenfrau.”

Künast nimmt sich immer gerne das Wort. Foto: Laura Lubahn

20:27: “Frauen müssen deutlich mehr lästige Sachen durchmachen”, führt Möhring weiter, trotzdem definiere sie ihr Frausein durch Erfolg im Beruf und nicht durch biologische Spezifika.

20:30: Steuckardt nimmt Bezug auf Möhring: Laut ihm böten Unterschiede zwischen Geschlechtern auch Vorteile, die genutzt werden sollten. Deshalb sei es nicht erstrebenswert, zu behaupten, es gäbe keine Unterschiede zwischen Mann und Frau: “Das ist eine Sache der Wahrheit”

20:30: Trulsen spricht über “Identität als Zwiebel”: Geschlecht sei dabei universell wichtig für einen Menschen. Sie wünscht sich eine Anerkennung der Politik für Geschlechter, die über Genitalien hinausgehen: “Geschlecht ist nicht zwischen den Beinen sondern den Ohren.”

20:34: Künast definiert ihren Feminismus als die Möglichkeit, jeden Weg gehen zu können, den sie möchte. Diese Position habe sie schon aus Kindheitserfahrungen mitgenommen.

20:35: Möhring sieht das Problem in unseren gesellschaftlichen Umständen: Die altmodische gesellschaftliche Arbeitsteilung beflügele stereotype Geschlechterrollen. Das müssten wir ändern, indem wir typische Frauen- und Männerberufe durchmischen.

20:37: Moderatorin Kugoth fordert jedoch mehr Resultate: “Was können wir denn jetzt konkret ändern”?

20:38: Steuckardt betont, dass man im Bereich der geschlechtlichen Identität noch ganz am Anfang sei. Die Wahrnehmung dazu sei noch nicht lange präsent. Trulsen möchte mehr als nur einen Anfang und hakt nach: “Was macht da die CDU denn konkret?”

20:40: Die Diskussion wird wieder lauter, als es darum geht, ob Martin Schulz oder Angela Merkel die Ehe für alle ermöglicht hätten. “Merkel hat doch die Ehe für alle beschlossen”, so Steuckardt. Künast entgegnet amüsiert: “Das ist doch die Lachnummer des Jahrhunderts”

Trulsen gibt Impulse und führt die Diskussion weiter. Foto: Laura Lubahn

20:41: Zurück zum Thema: Trulsen erklärt, dass es nicht eine queere Community gibt, sondern eher die Communities.

20:42: Geschichtsstunde mit Künast: Sie erklärt die Ursprünge des Feminismus #backtoschool

20:44: Spaß beiseite: Stattdessen seien aktuelle familienpolitische Bestrebungen auf Bürgerrechtsfragen zurückzuführen und nicht primär auf den Feminismus.

20:46: Künast redet seit zwei Minuten darüber, dass alle gleich sind.

20:48: Künast spricht über eigene Eheerfahrungen: “Wir alle machen Fehler.” Die Ehen anderer gehen ihr jedoch auch nah: “Es regt mich auf, dass Homosexuellen vorgeworfen wird, sie könnten keine Kinder erziehen.”

20:50: Rogat wirft einen neuen Punkt ein: Der Fokus auf Gleichheit sollte nicht ausschließen, dass auf individuelle Persönlichkeiten Rücksicht genommen wird.

Langeweile? Nicht mit Künast! Hier wieder am Gestikulieren. Foto: Laura Lubahn

20:51: Jetzt wird fehlende Bildung zum Ursprung allen Übels gemacht.

20:54: “Gegen die Ehe? Natürlich nicht!”, Steuckardt stellt klar, dass Eheabschaffung die falschen treffen würde. Trulsen dagegen: “Dann schaffen wir doch einfach die Eheprivilegien ab!”, sie nennt Frankreich dafür als Vorbild. – Heißt es hier also entweder Ehe für alle oder Entwertung der Ehe?

20:56: Puuh, Verschaufpause: Die Runde wird geöffnet, Politikoranglerinnen und Politikorangler melden sich zu Wort.

20:57: Queer als Kampfbegriff? Laut Steuckardt schon: “Viele haben in der CDU Probleme damit”, stattdessen könne man doch “deutsche Wörter” benutzen und damit in der Partei weiterkommen.

20:57: Künast: “Warum nehmen wir nicht gleich Latein?”

21:00: Wie kann man sich für Frauen einsetzen ohne Stereotype zu bedienen? Künast kennt das Problem und erzählt von Bündnissen unter Frauen im Bundestag. Sie will, dass sich typische Männer- und Frauenbereiche mehr vermischen. Der Schlüssel dazu sei von den Frauen kommende Initiative.

21:03: Die Lösung ist manchmal doch einfacher als man denkt, beweist Künast: “Man bringt Männer erst in Frauenberufe, wenn Frauen sich weigern, diese auszuführen.”

21:07: Frauenpolitik sei keine Genderpolizei, findet Möhring. Dies sein ein gefährlicher Trugschluss, der Frauen in eine Opferrolle drängen würde, womit keinem geholfen wäre.

21:11: Trulsen lobt sog. “Mentoringprojekte”, in denen Frauen weitere Frauen zur Partizipation bestärken. Künast, die ein solches führt, freut sich stillschweigend über Anerkennung.

21:13: Rogat fordert weitergehend flexiblere Termine anstelle fester Stammtische: “Im Ratskeller Mittwochabend, 19.30 Uhr”. Steuckardt ergreift das Wort, es folgen Pöbeleien. Die Beteiligten schieben sich gegenseitig die meisten alten Männer bei Stammtischen zu.

21:15: Trulsen meint: “Es reicht auch nicht, dass eine Frau da sitzt, man muss auch was für Frauen machen! Frau Merkel hat einen Scheiß für die Frauenrechte getan.”

21:17: Ist Symbolpolitik auch Politik? Künast bezeichnet es als “unterkomplex”, dass Steuckardt mehrmals Nachfragen zum Handeln der CDU damit beantwortet, dass man mit Merkel eine weibliche Kanzlerin habe.

Unser Publikum freut sich, als die Diskussion geöffnet wird. Foto: Alexander Naumann

21:19: Aus dem Publikum folgt nun der ganz große Wurf von politikoranglerin Felicia, die abrupt das Thema wechselt: “Identifizieren wir uns überhaupt über Geschlecht oder Dinge wie Nationalität?” – kurze Stille folgt.

21:20: Trulsen ergreift das Wort: “Das ist eine super schwierige Frage.” Sie kritisiert, dass von der Gesellschaft konstruierte Konzepte den Menschen kategorisieren würden und damit nicht richtig abbilden. Künast muss da erstmal drüber nachdenken: “Ist meine Identität denn Frau?…”

21:21: Künast ist sich nicht sicher, ob ihre Identität nur Frau ist, es gibt aber noch viel mehr Sachen, die dafür für sie wichtig sind. Sie nennt sich lieber eine “Verfassungspatriotin”.

21:22: Man erlebt es selten, aber für einen Moment sind sich Parteien mal einig. Möhring: “Wir konstruieren unsere Identität”, die Repräsentinnen und Repräsentanten nicken zustimmend.

21:23: Möhring bezieht sich auf die allgemeine Definition “der Summe aller Erfahrungen”. Steuckardt: “Mir würde nie einfallen, mich einen stolzen Deutschen zu nennen”, Trulsens Mimik ist dagegen nun nicht mehr so zustimmend.

21:27: Möhring erneut: “Das Problem ist, dass Frauen kein kollektives Subjekt bilden.” Sie sieht eine große Chance in einer neuen Frauenbewegung. Künast plädiert für generationenübergreifende Netzwerke.

21:28: po-Mama Inga fragt ob die Parteien einen positiven Wandel der Jugend beobachten können. Möhring spricht von einer engagierteren “neuen Frauenbewegung”, die der Jugend zu verdanken ist.

21:30: In der Schlussrunde geht es nun um Zukunftsvisionen und Wünsche für die Jugend.
Trulsens Appell: “Ich wünsche mir Solidarität und Zusammenhalt.”
Rogat hingegen möchte vor Stillstand warnen: “Wir sollten die Umstände nicht als gottgegeben ansehen”, stattdessen sollten wir weiterhin für eine positive Zukunft kämpfen.
Möhring wünscht sich, dass man ganz stark darauf achte, dass jeder einfach Mensch sein dürfe.

21:36: Moderatorin Kugoth schließt die Veranstaltung: “Ich wünsche euch…einen guten Nachhauseweg.”
Aber gerne doch, auch von uns! Politikorange hats zum Glück nicht weit zum Hostel!

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Wieviele konnten denn nun “queer” beschreiben? Habt Ihr eine Antwort bekommen?

Antworten
    Julian Kugoth
    Julian Kugoth
    24. August 2017 14:40

    Da benutzt man einmal Click-Baiting und dann kommen direkt Fragen. Also leider nein. Konnte uns nicht beantwortet worden. Wir hoffen der Live-Ticker war trotzdem das Lesen wert! *Nachobenguck-Emoji

    Antworten

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