Mikrofinanzen: “Leihst du mir mal einen Euro?” 

Oikocredit ist eine Firma, die in Entwicklungsländern Mikrokredite vergibt. Wir haben sie in Mainz getroffen. Aber was sind Mikrokredite eigentlich und wie funktionieren sie? Eine Einführung.

Die Oikocredit-Mitarbeiter Frey und Wittig (Foto: Nathalie Bockelt)

Die Oikocredit-Mitarbeiter Frey und Wittig (Foto: Nathalie Bockelt)

Unser Alltag ist davon abhängig, dass ein bestimmter Service funktioniert: Finanztransaktionen. Das fängt dabei an, dass wir ohne die Bankdienstleistungen, die wir aus Deutschland und Europa kennen, nicht einkaufen können. Ohne Geldautomat kein Bargeld, ohne Bankkonto keine EC-Karte, und ohne EC-Karte oder Bargeld kein Einkauf, weder analog noch digital. Und ohne Banken keine Kredite, ohne Kredite keine Investitionen oder größere Anschaffungen. Ohne Versicherungen kein Gesundheitssystem. Bewusst wird uns diese Abhängigkeit nur selten.

In großen Teilen der Welt gibt es diese Dienstleistungen nicht. In den Daten der Weltbank führt Afghanistan das Negativranking an, dort kommen 0,8 Geldautomaten auf 100.000 Personen. In Kanada sind es 222 Automaten, das weltweite Mittel ist 44 Automaten auf 100.000 Personen.
Ohne Bankdienstleistungen ist es unmöglich, wirtschaftlich Schritt zu halten. Gleichzeitig können viele Menschen in Entwicklungsländern aber keine Sicherheiten oder regelmäßiges Einkommen vorweisen, weshalb ihnen herkömmliche Kredite verweigert werden. Sie können nur zu Privatverleihern, zu “Kredithaien”, gehen, die absurde Zinsen verlangen.

In den Siebziger Jahren entwickelte der bangladeschische Ökonom Muhammad Yunus das System der Kleinkredite: Wer keinen herkömmlichen Kredit bekommt, kann sich kleine Summen – auch nur wenige Euro – bei besonderen Banken leihen. Eine solche Bank investiert also in die Geschäftsidee dieser Person und erhofft sich durch die Zinsen Gewinne.

Oikocredit ist so eine Einrichtung. Wir trafen sie in Mainz und lernten ihr Geschäftsmodell kennen.

Wer ist Oikocredit und was tun sie?

Oikocredit ist eine Genossenschaft. Das bedeutet, dass sie bei ihren Mitgliedern Geldsummen sammelt und sie auf bestimmte Weise gewinnbringend investiert. 1975 vom Ökumenischen Rat der Kirchen gegründet, vergibt Oikocredit Kredite an Mikrofinanzinstitutionen in Entwicklungsländern Der Kern ihrer Philosophie ist, benachteiligte Menschen in Entwicklungsländern am wirtschaftlichen Geschehen teilhaben zu lassen und finanzielle Ressourcen weltweit gerechter zu verteilen.

Oikocredit, dessen Name sich aus dem griechischen Wort für “Haus” und dem lateinischen Wort für “glauben” zusammensetzt, vergibt ihre Kredite nicht direkt an Kleinstunternehmer*innen in Afrika oder Lateinamerika. Das übernehmen ihre Partnerorganisationen für sie. Diese kennen die Gegebenheiten vor Ort und die Schuldner*innen genau und stehen in Kontakt mit ihnen. Sie prüfen auch den Erfolg der Geschäftsidee und die Buchführung regelmäßig. Das Kapital, das beispielsweise ein kleines Mikrofinanzinstitut in Uganda an eine Friseurin verleihen möchte, kommt dann von Oikocredit. Übrigens ist es im Mikrofinanzsystem üblich, Kredite vor allem an Frauen zu vergeben. Die meisten Organisationen schließen Kredite an Männer vollständig oder größtenteils aus. 86% der Schuldner*innen, die von Oikocredits Geld profitieren, sind Frauen. Damit verbunden ist die Idee, Frauen weltweit zu fördern.

Mikrokredite sind kein Allheilmittel

Allgemein sind Mikrokredite nicht unumstritten. So fordern Mikrokreditvergeber von ihren Schuldner*innen zwar niedrigere Zinsen als ein Privatverleiher, aber trotzdem deutlich höhere Zinsen als herkömmliche Banken. Die Firmen begründen diese damit, dass ihr Aufwand höher ist als der herkömmlicher Banken (z. B. weil die Rückzahlungen mangels Bankkonto persönlich abgeholt werden müssen), während ihr Gewinn vergleichsweise niedrig ist. Kritiker*innen werfen den Mikrofinanzinstituten vor, dass das Risiko für Schuldner*innen, in die Schuldenfalle zu geraten, zu groß ist.

Es gibt auch Extrembeispiele: In Indien haben sich 2010 54 Kreditnehmer*innen umgebracht, weil sie die Zinsen nicht zahlen konnten. Das sind aber seltene Ausnahmen. Denn nur mit Mikrokrediten lassen sich kleine, sozial verträgliche, erfolgversprechende Unternehmungen in Entwicklungsländern fördern. So arbeiten auch Unternehmen wie Oikocredit.

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