Plattenbaubewohner 2.0

Es war wie der Eintritt in eine andere Welt: Juliane Kraus und Annika Schulze besuchten Ende April 2016 das Flüchtlingsheim in der alten Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg mit dem Fotografen Mohamad Osman. Sie redeten mit den Geflüchteten, die dort vorübergehend einen Zufluchtsort gefunden haben. Eine besondere Begegnung

Spielende Kinder vor der Flüchtlingsunterkunft in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg

Spielende Kinder vor der Flüchtlingsunterkunft in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg (Foto: Mohamad Osman)

Plattenbaubewohner 2.0

Eine neue Heimat? Wohl kaum. Der Plattenbau aus DDR-Zeiten baut sich vor uns auf, die Farbe gleicht dem wolkenverhangenen Himmel. Die Umgebung lädt nicht zum Verweilen ein: Nur wenige Autos stehen auf dem großen Parkplatz. Es gibt ein tristes Stasi-Museum, kaum Grün, keine Spielplätze. Und so wirkt es einsam, obschon die vielen Fenster andeuten, dass hier sehr viele Menschen leben. Insgesamt sind 1300 Geflüchtete in dem Gebäude untergebracht, fast ausnahmslos Familien. Eine trostlose, hoffnungslose Stimmung liegt über dem Gebäudekomplex, die sich verstärkt, als wir hineingehen.
In der Eingangshalle spielen Kinder auf dem Fliesenboden, junge Erwachsene sitzen gelangweilt herum. Dort wartet bereits ein Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), der uns anschließend durchs Haus führt. Das DRK und Ehrenamtliche übernehmen derzeit die meisten Aufgaben und haben unter anderem dafür gesorgt, dass trotz begrenzter Zeit und Mittel eine Krankenstation im Keller eingerichtet wurde.

Skepsis

In jedem der Stockwerke, die wir auf unserem Weg nach oben passieren, erwartet uns eine eher desinteressiert wirkende Sicherheitskraft. Auf einem Gang liegen Mülltüten, ein unangenehmer Geruch geht von ihnen aus. Aber dies scheint eine Ausnahme zu sein. Wir gehen in den fünften Stock, wo Kinder in den kahlen Gängen spielen. Fußball auf dem Stasi-Flur. Ein Junge zeigt uns stolz seine Inliner-Künste. Wir sehen uns einen kleinen Raum mit einem Tisch und Spielsachen an. Hier malen die Kinder und singen deutsche Lieder, erklärt uns eine Mitarbeiterin. Die meisten Kinder haben derzeit noch nicht die Möglichkeit, in die Schule zu gehen. Es fehlen Schulplätze. Ihnen bleibt nur die Teilnahme an diesem Programm. An diesem Tag findet kein Kurs statt, trotzdem kommen ein paar kleine Jungen sofort angelaufen. Unser Besuch hat sich rasch herumgesprochen. Höflich reichen die Kinder uns die Hand, fragen nach unserem Namen und wie es uns geht – dafür reichen ihre Deutschkenntnisse bereits aus. „Sie lernen schnell, saugen Deutsch förmlich auf“, sagt uns unser DRK-Begleiter. Anfangs sind sie schüchtern, dann spielen wir zusammen mit ihren Spielsachen und sie zeigen uns die Bilder, die sie gemalt haben. Gerade Neuankömmlinge würden häufig dunkle Farben verwenden und viele Augen mit Tränen malen, erzählt die syrische Betreuerin, die sich bei der wöchentlichen Malstunde um die Kinder kümmert. Ein Bild zeigt Bomben, die auf Menschen niederfallen. Andere malen Schlauchboote. Bei den Kindern, die schon länger da sind, würden die Motive wechseln: viele Herzen und bunte Schmetterlinge. Angekommen?

Zuneigung

Das Eis ist endgültig gebrochen, als die Kinder mit unseren Kameras Fotos machen dürfen. Aufgeregt laufen sie herum und wollen sie gar nicht wieder hergeben. Obwohl sie während des Spielens lachen, werden sie in der nächste Sekunde wieder ernst. Bei unerwarteten Berührungen zucken einige erschrocken zurück. Man merkt ihnen an, dass sie Unvorstellbares erlebt haben. Wir gehen in das nächste Stockwerk, wo gerade ein betreuter Kurs stattfindet. Mehrere Ehrenamtliche kümmern sich um die Kinder, die in dem kleinen Raum sitzen. Sie schauen Kinderfernsehen oder malen Bilder. Unsere Anwesenheit verursacht Aufregung. Die ganze Zeit wollen die Kinder hochgehoben werden und wollen uns kaum gehen lassen. Es ist, als würde eine Sehnsucht erfüllt: Ihnen wird Aufmerksamkeit geschenkt.

Schock

Die Kinder folgen uns auf den Gang. Aus manchen Toiletten dringt ein unerträglicher Geruch. Die Böden seien häufig überschwemmt. „Nicht wegen Zerstörung, sondern Überlastung“, sagt unser Begleiter vom DRK. Die Abflussrohre des einstigen Bürokomplexes sind nicht für hunderte Bewohner konzipiert. Ein Junge kommt uns barfuß entgegen und löchert den Mitarbeiter: „Wann kann ich endlich zur Schule gehen? Mir ist so langweilig!“. Insgesamt würden 650 Kinder in dem Flüchtlingsheim leben, 480 seien eigentlich schulpflichtig. Aber nur für 50 war bis Mai ein Schulplatz gefunden worden und eine eigene Schule in der Unterkunft scheitere bisher an der Senatsbürokratie. Die Übrigen langweilen sich den ganzen Tag, besuchen aber mindestens einmal in der Woche einen der angebotenen Kurse. Wir treffen den Vater des Jungen und dürfen einen Blick in das kleine Zimmer der Familie werfen. Die einzigen Einrichtungsgegenstände sind sechs Betten, ein Kind schläft sogar auf dem Boden, nur auf einem Laken. Der Vater berichtet, dass er seit sechs Monaten mit seiner Familie in diesem Heim sei. Seine Kinder sollten schon längst zur Schule gehen, stattdessen seien sie den ganzen Tag in der Einrichtung. Er vermutet, dass sein jüngster Sohn kriegstraumatisiert ist: Bei jedem Türknallen schrecke er zusammen, würde einnässen. Hilfe erhalte er bisher jedoch keine. Wir reden auch mit einer Mutter, die ein blau unterlaufenes Auge hat. Was ist passiert? Sie behauptet, sie sei die Treppe hinuntergefallen. Wir glauben ihr nicht. Durch die Überlastung des Heims könne Unterstützung für hilfsbedürftige Menschen nicht immer gleichermaßen gewährleistet werden, lautet die Erklärung des DRK-Mitarbeiters.

Wir fahren in den 13. Stock, wo ein Großteil der Zimmer leer steht. Sie seien nutzbar, doch gehörten den Betreibern des Heims noch nicht und die Vertragsverhandlungen gingen nur schleppend voran. Als wir zurück ins Erdgeschoss fahren, kommen uns Mitarbeitende entgegen, die zahlreiche Büro-Dreh-Stühle nach oben verfrachten. Der DRK-Mitarbeiter erklärt: Im 9. Stock wollte der Senat am Folgetag Beratungsbüros für das Arbeitsamt eröffnen, mehrsprachig geführt. In den gleichen und vergleichsweise großzügigen Räumen, in denen einst der DDR-Spionagechef Markus Wolf residierte. Zum Verständnis führt er aus: Das Landesamt für Gesundheit und Soziales habe angeordnet, dass die Senats- und Arbeitsamtsvertreter und -vertreterinnen nicht auf einfacheren Stühlen sitzen dürfen. Deswegen müssten jetzt alle Büro-Stühle von DRK-Mitarbeitenden nach oben getragen werden. Die Möbel-Schleppenden stöhnen, wertvolle Arbeitszeit werde verschwendet. Vieles laufe „leider einfach absurd“.

Emotionaler Abschied

Zum Schluss gehen wir in den Hinterhof: Fünf Container mit Duschen und nur ein Raum mit Waschmaschinen für 1300 Menschen. Die Mütter der Kinder, die wir zuvor getroffen haben, waschen gerade ihre Kleidung. Einige Mädchen vom Beginn unserer Tour laufen euphorisch auf uns zu, als sie uns wiedererkennen. Sie springen in unsere Arme, halten sich fest, küssen uns auf die Wange. Als wir gehen müssen, laufen sie mit uns vor die Tür. Sie klammern sich an uns, wollen uns nicht gehen lassen. Ein Mädchen fragt uns, wann wir wieder kommen. „Bald“, antworten wir. Wir müssen die Kinder wieder zurück ins Gebäude lotsen. Sie stehen an der Glastür, klopfen und winken. Wir drehen uns um und lassen sie in ihrer eigenen, abgeschotteten Welt zurück. Eine Begegnung, die uns nicht mehr loslässt.

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