“Ich sitze zwischen den Stühlen”

Hager Ali, Studentin aus Frankfurt, beschäftigte sich in ihrem Slam auf der JMT-Mediennacht mit den verschiedenen Werte- und Kulturwelten, zwischen denen sie täglich lebt. Grund genug für die politikorange, noch einmal genauer nachzufragen.

"Vielleicht ist das Slamen ja was für mich." (Foto: Kai Peters)

“Vielleicht ist das Slamen ja was für mich.” (Foto: Kai Peters)

politikorange: Hager, wie kommst du zum Schreiben?

Hager Ali: Das war eher Zufall. Eigentlich wollte ich einmal in einem Chemielabor arbeiten. Dann hat mich eine Schulfreundin zur Schülerzeitung geschleppt und darüber kam ich dann zu einem Praktikum bei der Frankfurter Neuen Presse. Zunächst war ich dort in der Lokalredaktion beschäftigt, merkte aber schnell, dass Lokales nicht so meins ist und wechselte dann zur Politikredaktion. So entwickelte sich dann auch mein Interesse an politischen Themen.

Mittlerweile hast du auch deinen eigenen Blog. Welche Themen behandelst du dort?

Mein Blog heißt „Arts and Academics“ und das ist auch so ziemlich das Programm. Ich zeichne sehr gerne und eine Freundin von mir meinte einmal, ich solle meine Zeichnungen doch veröffentlichen. Zudem schreibe ich gerne über politische Themen, sodass mein Blog nun eine ganz bunte Mischung aus Zeichnungen, politischen Zeichnungen, Artikeln, politischen Artikeln und Dingen, die ich sonst so gerne mache. Aufgrund des Semesterstarts bin ich zurzeit aber nicht so aktiv.

Welche politischen Themen sind das?

Ich hab zum Beispiel über Extremismus geschrieben und einen Erklärungsansatz gesucht, warum gerade junge Menschen für Extremismus anfällig sind. Dann habe ich noch eine Kritik von wissenschaftlicher Literatur geschrieben und eine Illustration zu Deutschlands Rolle in der Welt gemacht. Das war aber eher für einen Wettbewerb gedacht. Aktuell arbeite ich an einer Karikatur über Journalismus und Terrorismus.

Und nebenbei slamst du ja auch.

Das war mein allererster Slam (lacht). Aber ich hab so ein bisschen Blut geleckt. Vielleicht ist das Slamen ja was für mich. Ich hätte selber nicht von mir gedacht, dass ich gerne auf der Bühne stehe. Aber das hat echt Spaß gemacht.

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Woher kommen deine Wurzeln?

Meine Familie kommt aus Ägypten. Deshalb ist mein Interesse an dem Nahen Osten auch so groß.

Nun ist das Thema der diesjährigen Jugendmedientage „ZwischenWelten“. Denkst du, dass du zwischen verschiedenen Welten lebst?

Ja, total! Ich sitze zwischen den Stühlen. Sowohl hier als auch in islamischen oder arabischen Kreisen. Das merke ich zum Beispiel, wenn ich mit meinen Freunden unterwegs bin – sowohl den islamischen, als auch den europäischen. Ich passe zu allem, aber gehöre irgendwie nie richtig dazu.

Kannst du dazu ein Beispiel bringen?

Ja, ein ganz klassisches sogar. Das habe ich auch im Slam-Text verarbeitet. Auf dem Geburtstag meiner Mutter, als mich eine Bekannte von ihr fragte: „Und wie sieht so deine Zukunft aus?“ – und ich ihr antwortete, was ich also alles mache und für was ich mich interessiere und wo ich mich später beruflich sehe. Und sie mir dann klar machte, dass sie wissen wollte, wann ich denn denke zu heiraten.

Wo sind deine Grenzen in den Welten? Also wo sagst du: bis hier und nicht weiter?

Das ist auch das, was mich im wissenschaftlichen Diskurs stört. Oft wird behauptet, die verschiedenen Welten seien schwer und nicht vereinbar. Das stimmt aber nicht. Ich versuche für mich immer, so einen Common Ground zu finden und bin dabei bisher noch nicht auf irgendwelche Grenzen gestoßen.

Das meine ich nicht. Ich dachte eher an: “Okay, das mache ich zum Beispiel bei der christlichen Kultur mit – aber das wiederum nicht. Hier ist meine Grenze.”

Dann musst du erstmal den Begriff „christliche Kultur“ definieren. Aber der ist so weitgefasst und es gibt so viele verschiedene Auffassungen, dass man seine Grenzen nicht von einer Kultur her definieren kann. Na, obwohl – es gibt gewisse Werte in der islamischen Gesellschaft, die mir zu konservativ sind und die ich gerne verwerfe. Es sind besonders die traditionellen Werte, die ich ablehne. Zum Beispiel, dass die Frau eher zu Hause sein sollte.

Und was sind deine Grenzübergänge, die Verbindung zwischen deinen Welten?

Das sind die Grundwerte, universelle Werte. Werte wie Gleichheit, oder die Wichtigkeit von Rechtstaatlichkeit und die Facetten von Pluralismus. Das sind so meine Schnittstellen.

"Auf jeden Fall sollte man offen bleiben, sich umschauen, ausprobieren" (Foto: Kai Peters)

“Auf jeden Fall sollte man offen bleiben, sich umschauen, ausprobieren” (Foto: Kai Peters)

Welche Werte leiten dich mehr: die deiner Freunde oder die deiner Familie?

Ich versuche da gar keine Dichotomie zu sehen. Ich schaue einfach, welche Werte aus den unterschiedlichen Kreisen für mich annehmbar sind und diese vermische ich dann zu meinem eigenen Wertespektrum. Aber dabei gibt keinen Kreis, der dominiert.

Nun hast du ja im Poetry Slam auf dein Tragen eines Kopftuches angespielt…

Neee, das war eher eine Anspielung darauf, dass Männer besonders auf das Verschleiern achten.

Aber du trägst eins?

Ja, aber erst seit zwei Jahren. Davor hatte mein Schulleiter etwas dagegen und ich wollte es mir nicht mit ihm versauen. Und dann dachte ich mir zum Studium: neues Kapitel, ich probiere es einfach mal aus.

Und aus welchen Motiven heraus?

Das hat unter anderem genderbetreffende Gründe. Im Koran steht, dass die Frau mit dem Kopftuch ihre Reize verstecken soll. Viele interpretieren diese als sexuelle Reize, die versteckt werden sollen. Ich interpretiere das eher als das Verstecken des Genders an sich. Besonders lang wehende Haare betonen die Weiblichkeit. Mit dem Kopftuch dekonstruiere ich mein Geschlecht und sage den Männern: Ich bin genauso wie du und habe die gleichen Rechte wie du.

Obwohl das Kopftuch eher eine Frauensache ist?

In der islamischen Welt tragen Männer Kufiya und Frauen Kopftücher. Somit sind sie optisch quasi wirklich gleich.

Was kannst du jungen Menschen, die genauso wie du zwischen verschiedenen Welten hangeln, sich aber nicht ganz so gut zurechtfinden wie du, auf dem Weg geben?

Auf jeden Fall sollte man offen bleiben, sich umschauen, ausprobieren, sich nicht voreilig festlegen, sich auch falsche Schritte eingestehen.

Seinen eigenen Weg gehen?

Genau, aber das kann ich eigentlich jedem ans Herz legen.

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